“Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.”
Ein Zitat eines frustrierten CSU-Menschen? Mitnichten, sondern eines, das Sokrates (470-399 v.Chr.) zugeschrieben wird.
Die Jugend wird immer schlimmer? Wohl kaum! Sie verändert sich, gewiß. Sie hat mit anderen Problemen zu kämpfen, als noch vor 50 Jahren. Und straffällige Jugendliche gabs schon immer und wird es – leider – immer geben. Das liegt wohl in der Natur des Menschen.
Aber warum wird immer erst begonnen, zu handeln, wenn etwas passiert ist? Warum immer erst dann der Aufschrei und der Ruf nach strengeren Gesetzen u.ä. Strafverschärfungsmaßnahmen? Warum erst dann Projekte für Straftäter, wie jetzt vom bayer. Justizministerium vorgestellt?
Es gibt eine einfache Antwort: Geld!
Strafrahmenverschärfungen sind kostenlos und Projekte mit jugendlichen Sträflingen sind die billigste Variante. Es wird zwar – besonders hier in Bayern – immer heftigst betont, wie wichtig Jugend und Familie sind, was man alles tun will zum Schutz, zur Unterstützung etc. – aber das sind oft nur Worte, leeres Gerede, wenn auf der anderen Seite am laufenden Band gerade für den Sozialbereich Jugend und die Jugendhilfe Gelder gekürzt oder ganz gestrichen werden.
Aus 20 Jahren Erfahrung als Jugendlichenpsychotherapeut weiß ich, dass weniger die Not der jungen Menschen zählt als das Geld, das die Hilfe kosten würde. Da ist eine Haftstrafe allemal billiger als eine präventive Maßnahme. Der Grundsatz der Hilfe für gefährdete junge Menschen sollte sein: “Wir wollen nicht warten bis Kinder, die mit Risikofaktoren belastet sind, in Schwierigkeiten geraten, sondern bieten ihnen Hilfe, bevor sie auffällig, delinquent oder süchtig werden” – und nicht wie so oft: “Wir warten mal ab, was passiert; es geht ja noch …”
Jungen Menschen frühzeitig zeigen, dass ihr Handeln Konsequenzen hat, aber gleichzeitig, dass es auch andere Wege gibt, als nur Gewalt zur Konfliktlösung. Ihnen Konsequenzen nicht nur androhen, sondern in Schule und Familie auch deutlich werden lassen, dabei aber die Aufmerksamkeit und das Verständnis entgegenbringen – das sollte das Ziel sein und nicht die bessere Einsperrmöglichkeit. Stattdessen wird Leistung gefragt, Anpassung und Unterordnung unter familiäre, schulische und gesellschaftliche Zwänge, stattdessen sind Lehrer und Eltern zu bequem und/oder zu beschäftigt, sich mit den jungen Menschen zu befassen.
Welche Eltern haben noch wirklich Zeit für ihre Kinder, welche Lehrer für ihre Schüler? Wer ist noch wirklich bereit, sich auseinanderzusetzen, Konsequenzen aufzuzeigen und auch durchzuführen?
Einerseits lernen die jungen Menschen: dass ihr Handeln nicht wirklich Konsequenzen hat, d.h. sie werden nicht ernst genommen. Andererseits haben sie gelernt, dass zaghaftes Aüssern von Bedürfnissen nichts bringt, dass sie niemand hört, dass sie auch hierbei nicht ernst genommen werden. Also werden sie lauter und lauter… – und gleichzeitig gibt es kaum jemand, der hinhört oder helfend eingreift. Wenn ein 16jähriger einen 7jährigen mißbraucht und dann umbringt, so ist er nicht so grausam geboren worden, sondern muß eine schreckliche Lebensgeschichte hinter sich haben. Das soll keineswegs seine Tat entschuldigen, ich will nur sagen, dass mit mehr und vor allem früherer Intervention und Hilfe viele Taten verhindert werden könnten!
Ist Strafverschärfung wirklich der richtige Weg – oder sollte uns unsere Jugend nicht doch so wertvoll sein, dass wir rechtzeitig etwas tun.
Intensivtäter zu therapieren ist billiger, aber da ist dann schon viel gelaufen. Warum nicht eine Entwicklung zu Intensivtätern überhaupt zu verhindern suchen… Solange wir Maßnahmen für den Fall danach erwägen, müssen wir nicht über das Vorher nachdenken und die Hilfe, die im Vorfeld nötig ist. Da aber sollte unser Nachdenken einsetzen.